MARTIN SCHLÄPFER: NEITHER Bruno Narnhammer, Chidozie Nzerem, Marlúcia do Amaral FOTO Gert Weigelt
b.04
Baker's Dozen / Twyla Tharp
Neither (Uraufführung) / Martin Schläpfer
Premiere
Dauer: ca. 2 Stunden, eine Pause

 
Dauer: ca. 2 Stunden, eine Pause
Baker's Dozen
Twyla Tharp
Eine Party in lässiger Atmosphäre. 12 Tänzerinnen und Tänzer, die mit ihren weich fließenden, sportiven und doch eleganten weißen Outfits den Charme von Countryclubs der 1920er Jahre beschwören, finden sich auf der Tanzfläche, um die Konventionen eines nachmittäglichen Tanztees mit ebenso witzigen wie exzentrischen Einfällen aufzubrechen: Ein hinreißender Schwof kippt da plötzlich in einen Kopfstand um, emphatische Gesten zu einem glühenden Tango lösen sich in bizarre „Lifts“ auf, smarte Nonchalance mündet in eine groteske Kletterpartie.

Die US-Amerikanerin Twyla Tharp zählt zu den bedeutendsten und eigenwilligsten zeitgenössischen Choreographinnen – eine Künstlerin, die in ihrem mittlerweile über 140 Ballette umfassenden OEuvre wie kaum eine andere Brücken zwischen den unterschiedlichsten Genres zu schlagen weiß. So sind ihr die Pop-Art, der Jazz und Schlager eine ebenso reiche Inspirationsquelle wie die zeitgenössische E-Musik. Elemente des Modern Dance dienen ihr ebenso als Basis wie das klassische Ballett oder die Ästhetik des Broadway. Für diesen kreiert sie seit 1980 regelmäßig – darunter die Erfolgsproduktionen „Singin’ in the rain“ und „Movin’ out“. Aber auch für den Film entstanden zahlreiche Arbeiten, darunter „Hair“ und „Amadeus“ mit Milos Forman. Ihre Tanzausbildung erhielt Twyla Tharp in New York u. a. bei Martha Graham, Merce Cunningham und Paul Taylor – den führenden Protagonisten des Modern Dance. 1965 gründete sie ihre eigene Company, arbeitete seither aber auch für andere renommierte Ensembles wie das American Ballet Theatre, New York City Ballet, Joffrey Ballet, Boston Ballet, Ballet de L‘Opéra de Paris, Royal Ballet London, die Hubbard Street Dance und Martha Graham Dance Company. Unter den zahlreichen Preisen und Auszeichnungen, die Twyla Tharp verliehen wurden, sind u. a. zwei Emmy Awards, ein Tony und ein Astaire Award, 19 Ehrendoktorwürden und die National Medal of the Arts zu nennen. 2008 wurden ihr ein Kennedy Center Honor sowie der Jerome Robbins Prize verliehen.

Mit „Baker’s Dozen“ auf die legere Klaviermusik der Harlemer Jazzgröße Willie „The Lion“ Smith (1893–1973) gelang Twyla Tharp 1979 eine atemberaubend virtuose Choreographie, die bis heute nichts von ihrer mitreißenden Frische und ihrem leichtfüßigen Witz eingebüßt hat.
 
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MUSIK
Willie „The Lion“ Smith (arrangiert von Dick Hyman)
 

Choreographie Twyla Tharp
Kostüme Santo Loquasto
Licht Jennifer Tipton
Choreographische Einstudierung Elaine Kudo
 
Pianistin Cécile Tallec
Tänzerin Ann-Kathrin Adam,Camille Andriot,Feline van Dijken,Yuko Kato,Nicole Morel,Carly Morgan / Julie Thirault
Tänzer Martin Chaix,Callum Hastie,Michal Matys,Martin Schirbel,Alexandre Simões,Remus Sucheana / Maksat Sydykov
 
Pavane auf den Tod einer Infantin
Kurt Jooss
In die Welt des spanischen Hofes und seiner strengen Etikette entführt uns Kurt Jooss’ „Pavane auf den Tod einer Infantin“: Von monotoner Strenge und unmenschlicher Starrheit ist der Tanz, zu dem sich die Hofgesellschaft – eingezwängt in die steifen Kostüme des spanischen Barock – versammelt hat.

Ein junges Mädchen, die Infantin, versucht, sich den geregelten Schrittfolgen zu fügen, bricht dabei aber immer wieder aus in ihre ganz eigene tänzerische Phantasiewelt. Doch das gnadenlose Zeremoniell kennt keinen Raum zur Entfaltung. Ein letztes Mal versucht die Infantin, der Pavane zu folgen – vergeblich. Voller Kälte schreiten die Damen und Herren des Hofes über die auf dem Boden Zusammengesunkene hinweg ...

Ein Miniatur-Drama von nur fünf Minuten Dauer schuf Kurt Jooss mit seinem 1929 für das Folkwang-Tanztheater-Studio entstandenen Ballett auf Maurice Ravels Klavierkomposition „Pavane pour une infante défunte“ – und riss damit eine ganze Welt auf, in der ein jede Individualität niederwalzendes Hofritual zu einer zeitlos-bedrängenden Parabel für Unterdrückung und Unmenschlichkeit wird. Extrem sind die Kontraste in der Tanzsprache zwischen höfischer Strenge und subjektivem Ausdruck, unterstützt durch Sigurd Leeders Kostüme, die in stilisierter Form die barocken Bild-Welten eines Velazquez beschwören, zugleich aber auch an die geometrisch-puppenhaften Figuren aus Oskar Schlemmers „Triadischem Ballett“ erinnern.

Mit „Pavane auf den Tod einer Infantin“ ist in der Einstudierung von Kurt Jooss’ Tochter Anna Markard eines der zentralen Werke des deutschen Tanztheaters der späten 1920er Jahre zu erleben. Kurt Jooss (1901–1979) gehörte zu den Initiatoren der Folkwangschule Essen, leitete die dortige Tanzabteilung, richtete mit dem Folkwang-Tanztheater-Studio eine Experimentalgruppe ein, die bis heute als Talentschmiede gilt, und gründete die Ballets Jooss. Mit seinem bedrängenden Anti-Kriegsballett „Der grüne Tisch“ erlangte er 1932 Weltruhm. Auf seine öffentliche Weigerung, sich 1933 von seinen jüdischen Mitarbeitern zu trennen, entschied sich Kurt Jooss 1934 für die Emigration nach England. Erst 1949 kehrte er wieder nach Deutschland zurück. Geschichten über Macht, Tod, Liebe, Zerstörung und die Verführbarkeit des Menschen blieben wiederkehrende Motive seines choreographischen Schaffens – ein Tanztheater, das er selbst immer auch als einen „Ruf aus Regionen“ verstanden wissen wollte, „die die letzten Menschenwerte bergen“.
 
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MUSIK
„Pavane pour une infante défunte“ von Maurice Ravel
 

Choreographie Kurt Jooss
Choreographische Einstudierung Anna Markard, Jeanette Vondersaar
Kostüme Sigurd Leeder
Licht Hermann Markard
Pianistin Cécile Tallec
 
Die Infantin Carolina Francisco Sorg / Sachika Abe
Damen und Herren des spanischen Hofes Doris Becker,Carrie Johnson,Anne Marchand,Louisa Rachedi,Daniela Svoboda,Andriy Boyetskyy,Armen Hakobyan,Jörg Weinöhl
 
Neither (Uraufführung)
Martin Schläpfer
Klänge kreisen in einem schwebenden Zustand wie in Zeitlupe ziellos vor sich hin, als wären sie Akkorde der Ewigkeit. Blockhafte Setzungen lösen sich durch Überlagerungen von Zeitschichten in amorphe Gespinste von betörend süßer Melancholie auf. Eine hoch exponierte, einsame Frauenstimme entfaltet ihren Gesang in schwebend-gebrochenen Kantilenen. Mit unwiderstehlichem Sog werden wir mitgenommen auf eine Reise ins Ungewisse und Unerhörte, hinein in ein zartes Vorantasten zwischen Klang und Stille: „Hin und her im Schatten vom inneren zum äußeren Schatten / vom undurchdringlichen Selbst zum undurchdringlichen Unselbst / durch weder noch ...“ (Samuel Beckett).

1976 trafen sich der amerikanische Komponist Morton Feldman und der irische Schriftsteller Samuel Beckett in Berlin, um über ein gemeinsames Opernprojekt zu sprechen. Beckett: „Ich habe es nicht gerne, wenn meine Worte vertont werden“. Feldman: „Ich bin ganz Ihrer Meinung. Auch ich gebrauche ganz selten Worte. Ich habe viele Stücke für Stimme geschrieben, aber ohne Worte.“ Beckett: Und was wollen Sie jetzt?“ Feldman: „Keine Ahnung.“ Wieder zu Hause, fand Feldman eine Postkarte mit genau 87 Wörtern vor: Eine sprachlich äußerst knappe, abstrakte und in ihren zahllosen Verneinungen geradezu verkeilte Gedankenkonstruktion über das Thema der Vergeblichkeit – ein grandioses Beckett’sches „Weder noch“. Ein Jahr später ging am römischen Teatro dell’Opera mit der Uraufführung von „Neither“ ein Musiktheater über die Bühne, das mit seinem nicht vorhandenen Personal, seinen hermetischen Ton-Welten und richtungslosen Klanggesten alle Erwartungen an ein musikdramatisches Werk außer Kraft setzte – eine Oper, die genau wegen ihrer eigenartigen Strukturen und quasi wortlosen Sprache ungeahnte Räume für den Tanz eröffnet: Für ein neues Ballett Martin Schläpfers in Zusammenarbeit mit der Stuttgarter Künstlerin rosalie.

rosalie – bekannt für ihre Bildobjekte und Rauminstallationen wie das Skulpturenensemble "31 x Flossis“ im Düsseldorfer Medienhafen – widmet sich immer wieder auch der Theaterarbeit. Dabei gilt ihr besonderes Interesse dem Zusammenspiel von Rhythmus, Farbe und Licht im Kontext Neuer Musik, wie sie zuletzt mit ihren Installationen „Hyperion“ zu Georg Friedrich Haas’ „Konzert für Licht und großes Orchester“ bei den Donaueschinger Musiktagen und im ZKM Karlsruhe sowie Helios“ für die 3. Internationale Biennale für zeitgenössische Kunst Sevilla eindrucksvoll zeigen konnte. 2008 wurde sie mit dem Europäischen Kulturpreis der Stiftung „Pro Europa“ ausgezeichnet.
Mit Martin Schläpfer verbindet rosalie seit ihren Ausstattungen zu „Gota de Luz“ für ballettmainz und der Uraufführung „Violakonzert/II“ beim Bayerischen Staatsballett München eine enge Zusammenarbeit.
 
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MUSIK
Neither
Oper in einem Akt von Morton Feldman
Text von Samuel Beckett
 

Choreographie Martin Schläpfer
Musikalische Leitung Dante Anzolini
Video-Lichtinstallation, Raum und Kostüme  rosalie
 
Sopran Alexandra Lubchansky / Marlene Mild
Tänzerinnen Sachika Abe,Ann-Kathrin Adam,Marlúcia do Amaral,Camille Andriot,Doris Becker,Mariana Dias,Feline van Dijken,Ana Djordjevic,Géraldine Dunkel,Carolina Francisco Sorg,Cristina Garcia Fonseca,Ainara García Navarro,Carrie Johnson,Yuko Kato,So-Yeon Kim,Emi Kuzuoka,Anne Marchand,Nicole Morel,Carly Morgan,Kerry-Anne O'Brien,Louisa Rachedi,Daniela Svoboda,Julie Thirault,Anna Tsybina
Tänzer Christian Bloßfeld,Andriy Boyetskyy,Martin Chaix,Florent Cheymol,Helge Freiberg,Niels Funke,Armen Hakobyan,Callum Hastie,Antoine Jully,Sonny Locsin,Michal Matys,Bruno Narnhammer,Bogdan Nicula,Chidozie Nzerem,Sascha Pieper,Boris Randzio,Ordep Rodriguez Chacon,Martin Schirbel,Alexandre Simões,Remus Sucheana,Pontus Sundset,Maksat Sydykov,Jörg Weinöhl
 

 

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