George Balanchine
Als Georgi Balantschiwadse wurde am 22. Januar 1904 in St. Petersburg einer der wirkungsmächtigsten Wegbereiter des neoklassischen Balletts geboren. Sein Lebensweg, der ihn von St. Petersburg über verschiedene Stationen im Westen Europas – darunter die französische Metropole Paris, wo er Mitglied der Ballets Russes Sergej Diaghilews wurde und sich fortan George Balanchine nannte – bis nach New York führte, liest sich wie eine Reise durch die Tanzgeschichte der letzten 100 Jahre. Verwurzelt in der Ballettwelt des zaristischen Russland und geprägt durch die Ästhetik Petipas schloss sich Balanchine in Paris der Avantgarde an und schuf 1928 mit dem Ballett „Apollo“ sein erstes Meisterwerk für Diaghilews Truppe – eine Arbeit, die den Grundstein für Balanchines ganz eigene Ästhetik legte: „Ich begann zu begreifen, dass ich Klarheit durch Einschränkung erzielen konnte, durch Verminderung dessen, was als vielfältige Möglichkeit erschienen war, auf das unbedingt Notwendige.“
Die Chance, konsequent an der Entwicklung seines Stils mit eigens dafür ausgebildeten Tänzern zu feilen, eröffnete Balanchine 1933 eine Einladung in die USA: Der Industrielle Lincoln Kirstein konnte ihn mit der Perspektive auf eine eigene Company als Leiter einer neu zu gründenden Ballettschule gewinnen. 1934 eröffnete die School of American Ballet mit einer von Balanchine neu formulierten Ausbildungskonzeption. Vom Training, das stets die Basis seines Tanzverständnis bildete, führte der Weg zur Choreographie – und was zunächst als eine Art Übung gedacht war, geriet ihm mit seinem kühnen Zugriff auf das Vokabular der Danse d’école, einem ungewöhnlichen formalen Aufbau und irritierend fließenden Grenzen zwischen Solisten und Corps de ballet sowie dem ganz bewussten Verzicht auf eine Handlung zu seinem ersten amerikanischen Meisterwerk: das Ballett „Serenade“.

Es folgten Arbeiten an der Metropolitan Opera, für Hollywood, den Broadway und immer neue Ballette für seine Company, die sich ab 1948 New York City Ballet nannte und schon bald zu den führenden Ensembles der Welt zählte. Neben zahlreichen Neukreationen – darunter „Concerto barocco“ (1941) und „Orphée“ (1948) – baute Balanchine aus seinen bestehenden Werken ein breites Repertoire auf. Meist blieb er aber auch hier nicht bei einer schlichten Wiedereinstudierung, sondern überprüfte seine älteren Arbeiten immer auch im Hinblick auf seine sich nun mit ganzer Konsequenz bildende Ästhetik, die vor allem immer eines im Blick hatte: in größter Klarheit den Tanz in den Mittelpunkt zu stellen. Inkarnation dieses Stils und eines der wichtigsten Beispiele der New Yorker Avantgarde der 1950er Jahre wurde das Ballett Agon.

In seinen letzten Schaffensjahren bis zu seinem Tod am 3. Mai 1983 in New York wusste eine junge Tänzerin einen besonderen Akzent zu setzen: Suzanne Farrell, für die Balanchine u. a. den „Diamant“ in „Jewels“ (1967), den letzten Walzer in „Vienna Waltzes“ (1977) sowie die Ballette „Chaconne“ (1976), „Robert Schumanns ‚Davidsbündlertänze‘“ (1980) und „Mozartiana“ (1981) kreierte. Insgesamt 425 Ballette umfasst Balanchines Werkkatalog, von denen bis heute zahlreiche zum Repertoire aller großen Compagnien gehören.
 
Vorstellungen George Balanchine
b.06: The Four Temperaments